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Dichter für Heimat und Reich

Der Schwäbische Dichterkreis von 1938 war eine literarische Gruppe, die sich unter Federführung des württembergischen Gauamtsleiters für Kultur Georg Schmückle um das Schillernationalmuseum in Marbach bildete. Durch ihren Antimodernismus miteinander verbundene Schriftstellerin und Schriftsteller wie Isolde Kurz, Auguste Supper, Anna Schieber, Hans Heinrich Ehrler, Peter Dörfler, Ludwig Finckh, Albrecht Goes und Gerhard Schumann sollten hier unter Parteiaufsicht demonstrieren, dass die "nationale Revolution" von 1933 eine Renaissance der deutschen Kultur heraufgeführt habe. Aus dem Kreis gingen unter anderem die Sammelpublikationen Reiseland Württemberg (1939), Lyrik der Lebenden (1944) und das Jahrbuch Brot und Wein hervor, die teils sehr praktische Funktionen des Geschichtstourismus und der Heerespsychologie erfüllten.

Den Angelpunkt der dabei angeführten "Gaukultur" bildeten Identitätsvorstellungen, die zunächst die Dichterrolle selbst betrafen. Dass man von Gott begnadet sei und die Reihe der "Ingenia Teutonica" fortsetze, gehörte zu den weitgehend ungebrochenen Selbstbildern im Schwäbischen Dichterkreis. Daher glaubten sich die Beteiligten auch in besonderer Weise zum Lob von Heimat und Reich berufen. Der Charme der Region und die Glorie der Reichsnation sollten einander so bedingen wie Schumann es in seinem programmatischen Vortrag Heimat im Reich (1938) formuliert hatte: "Wer dem Reiche recht dient, dient seiner Heimat, und wer seiner Heimat von Herzen dient, dient dem Reich!" Die Suche nach einer Mitte der kulturellen Identität im Horizont einer "Reinheit des Reichs" (Schumann) führte zu gesellschaftlichen Selbstzerfleischungen, die nachträglich in den Spruchkammer–Verfahren der Entnazifizierung und in Foren wie der Stuttgarter Satirezeitschrift Das Wespennest besichtigt wurden.

Der Vortrag beleuchtet einige zentrale Ideen individueller und kollektiver Identität, die im südwestdeutschen Bürgertum der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zirkulierten und in Texten des Schwäbischen Dichterkreises einen typischen Ausdruck fanden.

Stefan Keppler–Tasaki ist Professor für neuere deutsche Literatur am Germanistischen Seminar der Universität Tokyo und Einstein Visiting Fellow an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule der Freien Universität Berlin. Er hat zahlreiche Publikationen zur Goethezeit und zur klassischen Moderne vorgelegt. 2019 erhielt er das Thomas Mann Fellowship des Villa Aurora & Thomas Mann House e.V.

Eintritt frei

Ort: Staatsarchiv Ludwigsburg, Alleenplatz 3, 71638 Ludwigsburg

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